Der Westermarck-Effekt – Warum alte Freunde als Partner ausscheiden

Menschen, die von Kindesbeinen an zusammen aufwachsen, entwickeln nur selten erotische Gefühle füreinander. Deswegen scheitern Ehen von früh einander Versprochenen häufiger. Der Name dieses Phänomens: Westermarck-Effekt.

Edvard Westermarck

Schon der französische Philosoph Jean-Paul Sartre wusste: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Entsprechend verklären wir nur allzu gerne die gute alte Zeit, erinnern uns an Omas köstliche Kuchen, Sommerferien auf Sylt oder die große Freiheit im ersten eigenen Auto. Schön war’s!

Aber all das ist nichts im Vergleich zu der unauslöschlichen Reminiszenz an unsere allererste große Liebe. Die ersten zärtlichen Berührungen. Den ersten Kuss.

Meist kam er oder sie aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Man fand sich im Sandkasten, im Kindergarten oder später in der Schule. Und wenn die Eltern in ihrem Leben nicht allzu mobil waren, dann kommt es bei Festen im Elternhaus häufig sogar zur neuerlichen Begegnung mit dem Freund oder der Freundin von damals. Selbst wenn die Erinnerungen an die womöglich heimlich verbrachten Stunden langsam verblassen – die Eltern frischen das Gedächtnis gerne wieder auf: „Ihr beiden wart damals so süß.“ Oder peinlicher: „Dass aus euch kein Paar geworden ist – ein Jammer!“

Von wegen Jammer! Das ist ganz gut so, wie Edvard Westermarck wusste. Der finnische Soziologe und Ethnologe veröffentlichte 1921 ein Buch mit dem Titel „The History of Human Marriage“. Darin trug Westermarck Hunderte von Erkenntnissen anderer Kollegen zusammen, die die weltweite Entwicklung von eheähnlichen Beziehungen erforscht hatten. Also warum beispielsweise manche Kulturen Monogamie predigen, während andere der Polygamie frönen.

Die revolutionärste Erkenntnis des Buchs aber war eine andere: „Menschen, die seit ihrer Kindheit zusammen aufwachsen, weisen eine erstaunliche Abwesenheit erotischer Gefühle zueinander auf“, schrieb Westermarck. Der Grund: Diese würden sich gegenseitig wie Verwandte ansehen, und damit seien sexuelle Gelüste später ausgeschlossen. Der Hintergrund, vermutete Westermarck, sei evolutionärer Natur, nämlich um Inzucht zwischen Geschwistern zu vermeiden – denn die verbringen ja meist auch einen großen Teil ihrer Kindheit miteinander.

Ist also deshalb auch die Jugendliebe zum Scheitern verurteilt? Es scheint fast so. Als zum Beispiel Joseph Shepher von der Haifa-Universität für seine Doktorarbeit 1971 die Beziehungsstrukturen in israelischen Kibbuzim untersuchte, stellte er Ähnliches fest. In diesen landestypischen Siedlungen leben die Bewohner in einer Art Kommune zusammen. Sie teilen ihr Eigentum, Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. In so einer Umgebung wäre es nur logisch, wenn Menschen, die sich bereits seit ihrer Kindheit kennen, irgendwann auch als Erwachsene ein Paar werden.

Shepher befragte insgesamt 2769 Ehepaare und fand heraus, dass keines aus ein und demselben Kibbuz kam. Mehr noch: Keiner der Befragten hatte je sexuellen Kontakt mit jemandem aus demselben Kibbuz gehabt.

Die ersten 30 Monate

Noch größeren Aufwand betrieb Arthur Wolf von der Universität Stanford. Er untersuchte sogenannte „Minor Marriages“ in Taiwan. Dabei adoptiert ein Ehepaar ein weibliches Baby mit dem Ziel, das Mädchen später mit einem seiner Söhne zu verheiraten. Das zukünftige Brautpaar verbringt also bereits einen Großteil seiner Kindheit zusammen.

Wolf analysierte in seinem Buch über 14000 solcher innerfamiliärer Ehen aus den Jahren 1957 bis 1995. Ergebnis: Diese lang geplanten Ehen scheiterten drei Mal häufiger als normale Partnerschaften, sie zeugten 40 Prozent weniger Kinder, und die Frauen gingen mit drei Mal höherer Wahrscheinlichkeit fremd.

Allerdings bemerkte Wolf einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied: Für den Westermarck-Effekt sind offenbar nur die ersten 30 Monate unseres Lebens ausschlaggebend. Je mehr Zeit die beiden künftigen Partner in diesem jungen Alter miteinander verbrachten, desto sicherer scheiterte ihre Ehe. War das Mädchen bei der Adoption jedoch älter als 30 Monate, ergaben sich später keine spezifischen Eheprobleme oder signifikanten Unterschiede zu anderen Paaren.

Für die erste Sandkastenliebe stehen die Zukunftschancen also weiterhin schlecht, für die Jugendliebe aber nicht. Immerhin.

Der Artikel ist ein Auszug aus dem Buch „Ich denke, also spinn ich“, das ich gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Jochen Mai geschrieben habe.

7 Kommentare

  1. Kleiner -aber wie ich finde nicht unwesentlicher- Hinweis: das Buch erschien bereits 1901 also vor über 100 Jahren! 1971 erschien eine Untersuchung über die „Lustlosigkeit“ in Kibuzzim (verinfacht ausgedrück): Shepher, J. (1971). Self-imposed incest avoidance and exogamy in second generation Kibbutz adults. Unpublished Ph.D. thesis, Rutgers University, New Brunswick, N.J.

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